Ein Hinweis vorab: In dem von Spiegel online zitierten, im renommierten Britisch Medical Journal (BMJ) erschienenen Beitrag geht es darum, dass die Daten fr?herer Studien zum Nutzen und zur Wirksamkeit von Tamiflu sich bei dem Versuch der genaueren ?berpr?fung durch die Cochrane Collaboration als nicht so ?berzeugend und reproduzierbar herausgestellt haben, wie dies bislang schien. Die Arbeit der Forschergruppe um Tom Jefferson ist als kritischer Beitrag zur ?berpr?fung wissenschaftlicher Daten unbedingt zu begr??en. Wichtig ist jedoch der Hinweis, dass sich die Diskussion nur um fr?here Studien zu Tamiflu dreht, bei denen es ausschlie?lich um die ambulante Behandlung der normalen saisonalen Grippe bei ansonsten gesunden Erwachsenen ging.

An der antiviralen Wirksamkeit der Substanz an sich besteht kein Zweifel und die rechtzeitige Behandlung mit solchen antiviralen Medikamenten im Falle einer Infektion mit pandemischer H1N1-Influenza ("Schweinegrippe") kann, insbesondere bei station?r behandelten und vorerkrankten Kindern und Erwachsenen lebensrettend sein. Hierauf hat das renommierte "New England Journal of Medicine" erst k?rzlich unter Hinweis auf mehrere aktuelle Studien hingewiesen.
http://h1n1.nejm.org/?p=1188&query=TOC


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Roche?s Tamiflu Not Proven to Cut Flu Complications in Seasonal Flu, Study Says

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BMJ. Complications: tracking down the data on oseltamivir

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BMJ. Why don?t we have all the evidence on oseltamivir?

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BMJ. What can we learn from observational studies of oseltamivir to treat influenza in healthy adults?




http://www.spiegel.de/wissenschaft/m...666078,00.html

Spiegel online: 09.12.2009: Grippe-Medikament

Forscher bezweifeln Wirksamkeit von Tamiflu

Von Veronika Hackenbroch

Tamiflu gilt als Wunderwaffe gegen die Schweinegrippe. Jetzt aber f?llen Forscher ein vernichtendes Urteil: Sie sehen keinen klaren Beweis daf?r, dass das Medikament schwere Komplikationen verhindern kann. Der Hersteller Roche, der mit Tamiflu Milliarden verdient, zweifelt die Untersuchung an.
Das Medikament spielt eine zentrale Rolle in der weltweiten Bek?mpfung der Schweinegrippe: Tamiflu. In England bekamen es anfangs ganze Schulklassen verordnet, prophylaktisch, schon wenn nur einige wenige Sch?ler an der Schweinegrippe erkrankt waren.

In Deutschland werden Tamiflu und ?hnliche Grippemittel entsprechend dem Nationalen Pandemieplan f?r 30 Prozent der Bev?lkerung bereitgehalten. Viele lie?en es sich bei Ausbruch der Schweinegrippe sogar selbst vom Arzt verordnen und legten es f?r den Fall der F?lle in den heimischen K?hlschrank.

Tamiflu gilt als Versicherung gegen einen schweren Krankheitsverlauf. Beim Hersteller, dem Schweizer Pharmakonzern Roche, klingelten die Kassen: Dank der Pandemie erwartet Roche allein in diesem Jahr, mit Tamiflu einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro zu erzielen.

Jetzt aber erheben Experten der internationalen Cochrane Collaboration schwere Zweifel an der Wirksamkeit des Medikaments: Es gebe keinen klaren wissenschaftlichen Beweis daf?r, dass Tamiflu Grippe-Komplikationen wie etwa eine Lungenentz?ndung verhindern k?nne, schreiben die Forscher um Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration im renommierten "British Medical Journal".

Forscher bem?ngeln Fehlen nachpr?fbarer Daten
Die Wissenschaftler haben 20 wissenschaftliche Studien ?ber Tamiflu systematisch ausgewertet - und beklagen den "Mangel an guten Daten" ?ber das Medikament. So lie?en die Forscher acht wichtige nicht oder nur teilweise ver?ffentlichte Studien nicht in ihre aktuelle Auswertung einflie?en, weil sie die Ergebnisse nicht unabh?ngig ?berpr?fen konnten.

Bei einer fr?heren Cochrane-Studie ?ber Tamiflu, die zu einer etwas positiveren Beurteilung gekommen war, waren die acht Studien noch ber?cksichtigt worden. "Damals haben wir uns auf die Ergebnisse einfach verlassen", so Tom Jefferson, einer der Autoren. "Diesmal haben wir jedoch versucht, die Ergebnisse dieser Studien zu rekonstruieren. Weil uns das aufgrund fehlender nachpr?fbarer Daten nicht gelungen ist, konnten wir die Studien nicht mehr in unsere Bewertung mit einflie?en lassen." In den ?brigen Studien konnten die Wissenschaftler keinen Beleg mehr daf?r finden, dass Tamiflu Komplikationen wie etwa eine Lungenentz?ndung verhindern kann.

Der Pharmakonzern Roche erkl?rte auf der Website des BMJ, man glaube fest an die Zuverl?ssigkeit der Daten. Regierungen und Zulassungsbeh?rden h?tten vollen Zugang zu allen Studienergebnissen ?ber Tamiflu gehabt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO habe die Rolle des Medikaments im Kampf gegen die Grippe anerkannt. Roche hat inzwischen eine detaillierte Antwort auf die BMJ-Studie ver?ffentlicht. Ein Gro?teil der Tamiflu-Daten soll zudem auf einer passwortgesch?tzten Internetseite zug?nglich gemacht werden.

"Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch"
Es ist nicht das erste Mal, dass Experten vor zu hohen Erwartungen an Tamiflu warnen. Das Medikament wirke nur schwach, sagte Bernd M?hlbauer, Direktor des Instituts f?r Pharmakologie am Klinikum Bremen-Mitte, im Mai im SPIEGEL-Interview. "Die Krankheitsdauer wird im Durchschnitt nur um etwa einen Tag verk?rzt." Im Oktober hatten Mediziner vor massiven Nebenwirkungen von Tamiflu gewarnt, nachdem entsprechende Berichte aus Japan bekannt geworden waren. Roche erkl?rte, die F?lle h?tten urs?chlich nichts mit dem Medikament zu tun.

In einem Kommentar forderte das "British Medical Journal" neue Gesetze, die sicherstellen sollen, dass in Zukunft alle Rohdaten einer Medikamentenstudie ver?ffentlicht werden, damit die Studienergebnisse nachvollziehbar sind. "Wenn riesige Mengen ?ffentlichen Geldes in ein Medikament flie?en, m?ssen alle Daten ?ffentlich zug?nglich sein", hei?t es. Solange Roche nicht alle Daten ?ber Tamiflu ver?ffentliche, blieben Nutzen und Risiken des Medikaments unbekannt - eine absurde Situation, findet BMJ-Chefredakteurin Fiona Godlee: "Regierungen auf der ganzen Welt haben Milliarden f?r ein Medikament ausgegeben, das die Wissenschaft nun nicht beurteilen kann."
Warum Tamiflu trotz der schlechten Datenlage so verbreitet angewandt wird, kann sich der Cochrane-Autor Nick Freemantle von der University of Birmingham nur so erkl?ren: "Wenn man erst einmal so viel von dem Medikament eingekauft hat wie viele Regierungen es mit Tamiflu getan haben, dann ist es wahrscheinlich ?hnlich wie mit der Waffenkontrolle in den USA: Wer eine Waffe im Haus hat, benutzt sie auch leicht einmal. Was aber nicht hei?t, dass das richtig ist."