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Europarat: Öffentliche Anhörung vom 26. Januar 2010 über den Umgang von WHO und Impfstoffherstellern mit der H1N1 Pandemie: Ist mehr Transparenz notwendig ?

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  • Europarat: Öffentliche Anhörung vom 26. Januar 2010 über den Umgang von WHO und Impfstoffherstellern mit der H1N1 Pandemie: Ist mehr Transparenz notwendig ?

    Die Videoaufzeichnung der öffentlichen Anhörung und der Pressekonferenz sowie die Stellungnahmen und Schriftsätze der Teilnehmer (alles in Englisch) finden sich unter der offiziellen website des Europarates:

    http://assembly.coe.int/ASP/NewsMana...ew.asp?ID=5209

    Und das sind einige Pressestimmen dazu:


    http://www.tagesspiegel.de/politik/i...art123,3013333

    tagesspiegel.de:

    DIAGNOSE: FEHLALARM

    Experten: Schweinegrippe wurde unnötig zur Pandemie erklärt

    Für Ulrich Keil ist die Sache klar. Der weltweit bekannte Epidemiologe von der Universität Münster wirft der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO vor, die Erdbevölkerung im vergangenen Jahrzehnt durch „Angstkampagnen“ stark verunsichert zu haben. Erst kam die Infektionskrankheit Sars, dann die Vogelgrippe und jetzt die Schweinegrippe.

    Von Albrecht Meier, Strassburg

    26.1.2010 20:49 Uhr

    „Es werden unglaubliche Mengen an Geld verschwendet in Pandemien, die eigentlich gar keine sind“, lautet das nüchterne Urteil, das Keil bei der Anhörung des Europarates abgibt. Auf dem Prüfstand steht dort die WHO, die im vergangenen Jahr die höchste Pandemiestufe für die Schweinegrippe ausgerufen und damit eine weltweite Impfaktion ausgelöst hatte. Sie wurde für die Pharmaindustrie zum Milliardengeschäft.

    Der Münsteraner Medizinprofessor Keil berät die WHO seit 1973 – was ihn am Dienstag aber nicht daran hindert, bei der Anhörung in Straßburg wenig schmeichelhaft über die Genfer UN-Organisation zu reden. Der Gesundheitsausschuss der parlamentarischen Versammlung des Europarates will wissen, ob die WHO beim Umgang mit dem H1N1-Virus, das für die Schweinegrippe verantwortlich ist, auch wirklich ausreichend Transparenz an den Tag gelegt hat. Besonders umstritten ist die Entscheidung der WHO-Generaldirektorin Margaret Chan, die Schweinegrippe im vergangenen Juni zur Pandemie zu erklären. Weltweit traten anschließend die nationalen Pandemiepläne in Kraft, in Deutschland wurden 50 Millionen Impfdosen bestellt. Keil sagt im Rückblick: „Interessanterweise gab es da schon verbindliche Verträge mit Glaxo Smith Kline“, einem der Impfstoffhersteller. Bereits in den Jahren 2006 und 2007, sagt auch der Flensburger Arzt und Epidemiologe Wolfgang Wodarg, hätten die Staaten und die Pharmaindustrie vertragliche Festlegungen getroffen, „die Firmen warteten praktisch nur auf dieses Geschäft“.

    Inzwischen hat sich das H1N1-Virus als relativ harmlos erwiesen, zumindest im Vergleich zu den üblichen saisonalen Grippeerkrankungen. Dennoch verteidigt WHO-Vizegeneraldirektor Keiji Fukuda die Vorsichtsmaßnahmen: Das Virus, sagt der WHO-Grippeexperte, habe besonders bei jungen Menschen zu schweren Erkrankungen und Todesfällen geführt – ein Muster, das bei der üblichen saisonalen Grippe nicht auftrete. „Die Pandemie ist nicht vorbei“, sagt Fukuda.

    In den Augen von Wolfgang Wodarg, der bislang den Gesundheitsausschuss der Parlamentsversammlung des Europarates geleitet und der die Anhörung vor den Parlamentariern initiiert hat, stellen sich trotzdem schwerwiegende Fragen zum WHO-Pandemiealarm. Während eine Pandemie nach der ursprünglichen WHO-Definition durch überdurchschnittlich hohe Erkrankungs- und Sterberaten gekennzeichnet gewesen sei, habe die Weltgesundheitsorganisation die Kriterien im Mai vergangenen Jahres geändert, sagt er. Erst damit sei es möglich geworden, eine „stinknormale Grippe zu einer Pandemie hochzustilisieren“. In der Folge seien „Millionen von Menschen unnötigerweise geimpft worden“.

    Der SPD-Politiker Wodarg kritisiert zudem, dass auch deutsche Gesundheitsbehörden sich an der Panikmache zur Schweinegrippe beteiligt hätten. Obwohl angesichts der Ausbreitung der Grippe auf der südlichen Erdhalbkugel schon ab Oktober 2009 klar gewesen sei, dass sie einen recht harmlosen Verlauf nehme, hätten das Robert-Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut „wider besseres Wissen den Leuten gesagt, es könnte noch eine zweite Welle geben“, sagt Wodarg dem Tagesspiegel.

    Für den Verdacht Wodargs, dass die Weltgesundheitsorganisation bei der Hochstufung der Schweinegrippe zur Pandemie auf Druck der Pharmaindustrie gehandelt haben könnte, gibt es nach den Angaben des WHO-Sonderberaters Fukuda keine Indizien. Es gebe keinen unberechtigten Einfluss der Forschungsabteilungen der Pharmakonzerne auf seine Organisation, sagt er. Angesichts der Frage, ob die WHO mehr Transparenz zeigen müsse, um das Vertrauen der Bevölkerung zu erhalten, gibt er aber zu: „ Natürlich können wir die Dinge verbessern.“

    Den Vorwurf, Pharmakonzerne hätten Gesundheitspolitiker aus Gründen der Profitmaximierung bei ihren Entscheidungen zur Schweinegrippe beeinflusst, will auch Luc Hessel vom Europäischen Verband der Impfstoffhersteller nicht im Raum stehen lassen. Die Hersteller hätten auf eigenes Risiko investiert, sagt der Franzose. „Es war überhaupt nicht klar, wann ein ,return on investment’ erfolgen wird“ – also ein Rückfluss der Investitionen.




    http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=39806

    Deutsches Ärzteblatt: Dienstag, 26. Januar 2010

    WHO wegen Strategie bei Schweinegrippe unter Druck

    Straßburg – Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerät wegen ihres Umgangs mit der Schweinegrippe zunehmend in die Kritik. Im Europarat warfen Experten und Abgeordnete der Organisation am Dienstag vor, die Schweinegrippe voreilig zur Pandemie erklärt zu haben. Der Berater für Grippepandemien der WHO, Keiji Fukuda, wies die Kritik zurück.


    Die WHO habe rasch handeln müssen, um zahlreiche Grippetote zu vermeiden, sagte Fukuda in Straßburg bei einer Anhörung der Parlamentarier-Versammlung des Europarats. Vorwürfe, wonach die Pharmaindustrie die Entscheidungen der WHO in Sachen Schweinegrippe beeinflusste, wies er zurück. Die von der WHO herangezogenen Experten hätten die Organisation „neutral und unparteiisch“ beraten, Interessenskonflikte habe es nicht gegeben. Auf hartnäckiges Nachfragen von Abgeordneten räumte der Japaner allerdings ein, dass „einzelne Personen“ möglicherweise Interessenskonflikte verschwiegen haben.

    Luc Hessel von der europäischen Vereinigung der Impfstoffhersteller bestätigte, dass es bereits vor Ausrufung der Pandemie durch die WHO im Juni Verträge zwischen einzelnen Regierungen und Pharma-Unternehmen für den Aufkauf von Impfstoffen gab. Wenn eine Pandemie ausbreche, müsse sehr schnell gehandelt werden, betonte der Franzose, der beim US-französischen Impfstoffhersteller Sanofi-Pasteur-MSD arbeitet. „Dann gibt es keine Zeit mehr für Verhandlungen“.

    Nach Angaben des Medizinprofessors Ulrich Keil von der Universität Münster nahm die WHO die vor einigen Jahren ausgebrochene Vogelgrippe zum Anlass, die Pandemiedefinition zu ändern. Durch die Vogelgrippe seien aber weltweit nur 350 Todesopfer gezählt worden, in Deutschland sei kein einziger Mensch daran gestorben. Dennoch habe die WHO sie zum Modell für ihre neue Pandemiestrategie genommen. Die Organisation habe die „Angst vor der Schweinegrippe geschürt“, viele Regierungen hätten daraufhin massenweise Impfstoff bestellt.
    Allein in Deutschland seien 50 Millionen Dosen gekauft worden, sagte Keil, der an der Universität Münster das Zentrum für die Zusammenarbeit mit der WHO beim Kampf gegen Epidemien leitet. Die Folge sei eine „gigantische Verschwendung von Geldern“, die für die Bekämpfung anderer Krankheiten, etwa Krebs, dringend gebraucht würden.

    Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg kritisierte vor allem, dass die Definition für eine Pandemie von der WHO im vergangenen Mai geändert wurde. Ausschlaggebend sei nun nur noch, dass sich ein neues Virus sehr rasch ausbreite, erläuterte Wodarg, der bis vor kurzem im Europarat den Gesundheitsausschuss der Parlamentarierversammlung leitete. Die Schwere einer Krankheit spiele hingegen keine Rolle mehr. So sei die vergleichsweise harmlose Schweinegrippe zur Pandemie „hochgespielt“ worden. Millionen von Menschen, darunter viele Kinder, seien mit unzureichend getesteten Stoffen geimpft worden.
    Die Grünen im Europaparlament forderten einen Untersuchungsausschuss. Mögliche Interessenskonflikte müssten ans Tageslicht gebracht werden, sagte die französische Abgeordnete Michèle Rivasi. Dabei gehe es beispielsweise um Kontakte zwischen der Europäischen Arzneimittelagentur (EMEA) und der Pharmaindustrie.

    http://www.nzz.ch/nachrichten/intern...1.4641024.html

    26. Januar 2010, 15:57, NZZ Online

    Im Umgang mit der Schweinegrippe versagt
    Weltgesundheitsorganisation muss sich heftige Kritik aus Europa anhören


    Weltgesundheitsorganisation muss sich heftige Kritik aus Europa anhören

    Europa kritisiert das Vorgehen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Fall der Schweinegrippe. Experten und Abgeordnete des Europarats warfen der WHO an einer Anhörung vor, die Schweinegrippe voreilig zur Pandemie erklärt zu haben.

    chs./(sda/afp/dpa) Die Schweinegrippe ist viel weniger stark ausgefallen als befürchtet und von den Behörden der meisten Länder dargestellt. In ihrer Einschätzung der Lage stützten sie sich hauptsächlich auf die Weltgesundheitsorganisation WHO ab.

    Entsprechend gerät diese nun zusehends unter Druck. Weil sie die Krankheit sehr schnell als Pandemie bezeichnet habe, seien unnötig Ängste geschürt worden. Bei Regierungen und Medien habe dies zu «hysterischen Reaktionen», sagte Medizinprofessor Ulrich Keil von der Universität Münster bei der Anhörung im Europarat.

    WHO nicht zu pharmanah
    Der Berater für Grippe-Pandemien der WHO, Keiji Fukuda, wies die Kritik entschieden zurück. Die WHO habe rasch handeln müssen, um zahlreiche Grippetote zu vermeiden. Fukuda wollte auch Vorwürfe nicht gelten lassen, wonach die Pharmaindustrie die Entscheidungen der WHO in Sachen Schweinegrippe beeinflusst habe. Die von der WHO herangezogenen Experten hätten die Organisation «neutral und unparteiisch» beraten; Interessenskonflikte habe es nicht gegeben, sagte er im Gesundheitsausschuss der Parlamentarier- Versammlung des Europarats.
    Interessenkonflikte verschwiegen
    Auf hartnäckiges Nachfragen von Abgeordneten räumte der Japaner allerdings ein, dass «einzelne Personen» möglicherweise Interessenkonflikte verschwiegen haben.

    Der Franzose Luc Hessel von der europäischen Vereinigung der Impfstoffhersteller bestätigte, dass es bereits vor Ausrufung der Pandemie durch die WHO im Juni Verträge zwischen einzelnen Regierungen und Pharma-Unternehmen für den Aufkauf von Impfstoffen gab. Wenn eine Pandemie ausbreche, müsse sehr schnell gehandelt werden. «Dann gibt es keine Zeit mehr für Verhandlungen», begründete er das Vorgehen.
    Pandemie neu definiert

    Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Arzt Wolfgang Wodarg kritisierte vor allem, dass die Definition für eine Pandemie von der WHO im vergangenen Mai geändert wurde. Ausschlaggebend sei nun nur noch, dass sich ein neues Virus sehr rasch ausbreite.
    Die Schwere einer Krankheit spiele dagegen keine Rolle mehr. So sei die vergleichsweise harmlose Schweinegrippe zur Pandemie «hochgespielt» worden. Millionen von Menschen, darunter viele Kinder, seien mit unzureichend getesteten Stoffen geimpft worden.

    Die Anhörung im Europarat kam durch die Initiative Wodargs zustande. Der deutsche Arzt wirft der WHO vor, sie hätte ihre Unabhängigkeit im Umgang mit den Pharmakonzernen aufgegeben. Der Europarat ist eine 47 Staaten umfassende europäische Internationale Organisation. Er dient als Forum für Debatten über allgemeine europäische Fragen.






    http://www.tagesschau.de/ausland/schweinegrippe730.html

    tagesschau.de: 26.01.2010 19:54 Uhr

    Anhörung der Verantwortlichen im Europarat
    Schweinegrippe - ein großer Bluff?


    Groß war die Sorge, als die WHO die Schweinegrippe zur Pandemie erklärte. Riesige Mengen Impfstoff wurden produziert. Doch bislang starben weit weniger Menschen als sonst in der Grippezeit. Der Europarat ging nun dem Verdacht nach, dass es ein enges Zusammenspiel zwischen WHO und Pharmaindustrie gab.

    Von Martin Durm, ARD-Hörfunkstudio Straßburg

    Luc Hessel, der Vertreter der europäischen Pharmaindustrie, sitzt vorne rechts auf dem Podium und direkt neben ihm Keiji Fukuda, der Verantwortliche der WHO. Beide sind hochrangige Fachleute, beide promoviert, konferenz- und kongresserfahren.

    Aber hier, bei der Anhörung im Europarat, wirken sie mit einem mal wie zwei Männer auf der Anklagebank. Sie wurden gerade von Mitgliedern des Gesundheitsausschusses befragt. Wieso war es möglich, wegen eines offenkundig harmlosen Grippevirus die Weltbevölkerung in die größte Impfkampagne aller Zeiten zu schicken? "Wir machten nur, was man von uns verlangte", sagte der Vertreter der europäischen Pharmakonzerne. "Es ist unmöglich vorauszusehen, wie sich eine Pandemie entwickelt", sagte der WHO-Vertreter.

    50 Millionen Impfstoffampullen - wozu?
    Vor einigen Monaten klang das alles noch anders. Da hatten die Weltgesundheitsexperten vor Zehntausenden, Hunderttausenden potentiellen H1N1-Opfern gewarnt und im Juni 2009 die Pandemie ausgerufen. Journalisten und Politiker verfielen daraufhin einer globalen grippalen Hysterie, die in Deutschland dazu führte, dass die Bundesregierung angesichts einer verängstigten Öffentlichkeit 50 Millionen Impfstoffampullen bestellte.
    Enges Zusammenspiel zwischen WHO und Pharmaindustrie
    "Wir reagierten völlig transparent auf das, was die politischen Entscheidungsträger von uns verlangten", wiederholt der Vertreter der europäischen Pharmakonzerne. Wobei auch er bei dieser Anhörung nicht abstreiten kann, dass die Pharmaindustrie vom Pandemie-Alarm der WHO profitierte.

    Das ist es denn auch, was den SPD-Gesundheitsexperten Wolfgang Wodarg dazu veranlasst, von einer gewissen Verflechtung zwischen WHO und Pharmakonzernen zu sprechen: "Die WHO hatte durch ihre Entscheidung, die Pandemie auszurufen, die Schlüsselrolle. Sie entschieden über Ausgaben im Gesundheitswesen in Höhe in weltweit von 18 Milliarden Dollar. Die Firmen hatten sich vorbereitet. Sie warteten praktisch nur auf dieses Geschäft, weil die WHO eine neue Definition der Pandemie vorgenommen hat."

    Die Schweinegrippe - ein "viraler Glücksfall"
    Laut der neuen Definition kommt es nicht mehr so sehr darauf an, ob ein Virus tödlich sein kann, sondern ob er sich rasend verbreitet. Das ist in Deutschland offensichtlich der Fall. Mehr als 217.000 H1N1-Infektionen hat das Robert-Koch-Institut bislang registriert, aber nur 189 Menschen sind daran gestorben. Ein ganz normaler saisonbedingter Grippeverlauf kostet jährlich etwa 10.000 Menschen das Leben. Womöglich ist H1N1 ein "viraler Glücksfall", wird inzwischen in seriösen Wissenschaftskreisen spekuliert, weil er die gefährlichere Saisongrippe verdrängt.

    Eine gigantische Verschwendung an Ressourcen
    Womöglich ist das eigentliche Problem der vergangenen Jahre ja gar kein Virus, sondern die Angstkampagnen, die es auslösen kann - Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS. Der Seuchenexperte Professor Ulrich Keil von der Universität Münster hat von all dem genug: "Keine Pandemie-Vorhersage ist eingetroffen. In Deutschland sterben aber jedes Jahr 360.000 Menschen an Herz-Kreislauferkrankungen, 210.000 sterben an Krebs, 500 an Aids. An Vogelgrippe oder SARS ist nicht einer gestorben. Was wie hier erleben ist eine gigantische Verschwendung an Ressourcen im internationalen Gesundheitswesen", sagt der Mediziner.

    Audiofile des Tagesschau-Beitrags:
    http://www.tagesschau.de/multimedia/...udio48986.html

  • #2
    Re: Europarat: Öffentliche Anhörung vom 26. Januar 2010 über den Umgang von WHO und Impfstoffherstellern mit der H1N1 Pandemie: Ist mehr Transparenz notwendig ?

    http://www.zeit.de/wissen/gesundheit...arat-kommentar

    Zeit online: 27.1.2010 SCHWEINEGRIPPE

    Die Stunde der Opportunisten

    Hinterher ist man stets schlauer: Politiker und Experten werfen den Behörden bei der Schweinegrippe-Bekämpfung Panikmache vor. Das ist heuchlerisch, meint Sven Stockrahm.

    Es ist der Feldzug eines Mannes, von dem bis vor Kurzem kaum jemand Notiz genommen hat. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete und SPD-Politiker Wolfgang Wodarg vermutet, dass die Pharmaindustrie die Weltgesundheitsorganisation WHO beeinflusste, um die als Schweinegrippe bekannt gewordene Influenza A/H1N1 zu einer Pandemie zu stilisieren. "Es stinkt danach, dass die Industrie Einfluss auf die WHO genommen hat", sagte Wodarg der Tageszeitung (taz). Er spricht von einem Schweinegrippe-"Fehlalarm" und einer seit Jahren von offizieller Stelle heraufbeschwörten "Grippegefahr".

    Die gestrige Anhörung im Europarat, an der auch der WHO-Vizegeneraldirektor Keiji Fukuda teilnahm, konnte diese Anschuldigungen nicht belegen. Initiiert hatte die Runde Wodarg noch in seiner Funktion als Leiter des Gesundheitsausschusses der parlamentarischen Versammlung des Europarats.

    Die Argumente, die der Politiker vorbringt, sind opportunistisch.
    Es sind Schlussfolgerungen, die nicht neu sind. Nachdem die Vogelgrippe 2006 ihren Schrecken schnell eingebüßt hatte, wurden Vorwürfe laut, dass umsonst Millionenbeträge in Grippe-Medikamente und Impfstoffentwicklung gesteckt wurden.

    Doch ist es gut und richtig, sich auf ein potenziell gefährliches Virus vorzubereiten. Dazu gehören Impfstoffvorräte ebenso wie antivirale Medikamente. Daran ändern auch schlecht ausgehandelte Verträge zwischen Herstellern und Bundesländern nichts, in denen bestimmte Mengenabnahmen vereinbart wurden. Die Einlagerung muss als Versicherung verstanden werden.

    Auch jetzt heißt es, nachdem die Schweinegrippe vielerorts abebbt, dass die Verantwortlichen bei der WHO voreilig und panisch agiert hätten. Eine unnütze Impfaktion habe man aus dem Boden gestampft, die letztlich nur der Pharmaindustrie nutzte. Die verdiente schließlich mit dem Impfstoff gegen das H1N1-Virus Milliarden.

    Im Nachhinein lässt sich all dies natürlich wunderbar konstruieren. Zwar ist es richtig, dass die Impfstoff- und Medikamentenhersteller ein gutes Geschäft gemacht haben. Und auch ZEIT ONLINE hat über die zweifelhaften Kriterien der WHO berichtet, die eine Infektionskrankheit zur Pandemie, also einer weltumspannenden Gefahr erklären. Doch eine Panikmache ist den Verantwortlichen nicht vorzuwerfen, geschweige denn, dass sie mit den Pharmakonzernen unter einer Decke stecken.

    Solche Beschuldigungen kommen stets von denjenigen, die nach dem Auftauchen eines neuen Virus beschwichtigen. Doch nachträgliche Betrachtungen helfen herzlich wenig, wenn ein Erreger sich ausbreitet. In Deutschland reagierte das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) und insbesondere der Leiter Jörg Hacker mit Vorsicht und Transparenz. Ihnen nun im Abstand von ein paar Monaten falsches Handeln zu unterstellen ist heuchlerisch. Nicht zuletzt das RKI hat stets betont, dass der Verlauf der Schweinegrippe milde ist, eine gefährlichere Entwicklung des neuen Erregers aber nicht auszuschließen sei. Das liegt in der Natur der Keime, deren Wandlungsfähigkeit sie unberechenbar macht.

    Hätte sich die Welt nicht mit Impfstoff gewappnet und die Schweinegrippe hätte sich als nicht so milde im Verlauf gezeigt wie bislang, stünde nun der Vorwurf der Fahrlässigkeit im Raum. So bestellten die Bundesländer auch keine Vakzine für die gesamte Bevölkerung, sondern entschlossen sich vorerst, nur das gefährdetste Drittel der Bevölkerung zu schützen. Das letztlich eine Impfdosis pro Person gegen das H1N1-Virus ausreichte, war nicht abzusehen.

    Sich nun wie Wolfgang Wodarg hinzustellen und zu urteilen ist einfach. Wenngleich es berechtigt ist, das Grippemanagement kritisch zu hinterfragen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Doch Besserwisserei und blanke Polemik haben einer sachlichen Diskussion noch nie geholfen.



    http://www.fr-online.de/in_und_ausla...anikmache.html

    Frankfurter Rundschau fr-online.de: 28.01.2010

    Schweinegrippe

    "Das war keine Panikmache"


    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat richtig reagiert, als sie im Fall der Schweinegrippe eine Pandemie ausrief. Dieser Meinung ist der Chef der Infektionsgenetik am Helmholtz-Zentrum, Klaus Schughart.

    Herr Professor Schughart, sind Sie wie der Europarat der Ansicht, dass die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Gefahr durch die Schweinegrippe aufgebauscht hat?

    Ich finde nicht, dass man der WHO Panikmache vorwerfen kann. Als das neue Virus im April in Mexiko auftauchte und die ersten Menschen starben, gab es zunächst allen Grund zur Besorgnis. Erst später hat man erkannt, dass es sich nicht um einen neuen - und damit besonders gefährlichen - Subtyp eines Influenza-Virus handelt, sondern um eine neue H1N1-Variante, die dem Erreger der saisonalen Grippe ähnelt.

    Was ist der Unterschied zwischen einem neuen Subtyp und einer neuen Variante von H1N1?

    Das Vogelgrippevirus H5N1 beispielsweise ist ein neuer Subtyp. Es trägt eine Kombination der beiden Proteine Hämagglutinin, kurz H, und Neuraminidase, kurz N, die zuvor nicht im Menschen aufgetreten war. Solche neuen Subtypen können, wenn sie von Mensch zu Mensch übertragbar sind, immer eine schwere Pandemie verursachen. Beim Vogelgrippevirus ist das zum Glück bisher nicht der Fall, da es nur direkt vom Vogel auf den Menschen übertragen werden kann. Das Schweinegrippevirus, das sich jetzt von Mensch zu Mensch ausbreitet, ist hingegen ebenso wie der Erreger der saisonalen Grippe ein Virus vom Subtyp H1N1.

    Trotzdem stellte sich heraus, dass praktisch kaum ein Mensch gegen die Schweinegrippe immun war.

    Das lag daran, dass die Proteine Hämagglutinin und Neuraminidase beim Schweinegrippe-Virus zwar vom Typ H1 und N1, aber dennoch so verändert sind, dass eine Impfung gegen die saisonale Grippe keinen Schutz bietet. Insofern wäre es unverantwortlich gewesen, keinen Impfstoff gegen die Schweinegrippe zu entwickeln.

    Aber zeigte sich nicht schon im Mai in den USA, dass die Krankheit in den meisten Fällen glimpflich verlief?

    Es war damals in der Tat zu beobachten, dass die neue Grippe für den Einzelnen längst nicht so gefährlich ist wie die Vogelgrippe, an der im Schnitt jeder zweite Infizierte stirbt. Da es in der Bevölkerung aber keinen Immunschutz gegen den Erreger der Schweinegrippe gibt, kann sich die Krankheit viel leichter ausbreiten als die saisonale Grippe. Insofern war auch mit einer größeren Anzahl von Toten zu rechnen. Man muss immer unterscheiden zwischen der Gefährlichkeit eines Erregers für den Einzelnen und für die Gesamtbevölkerung.

    Die rasche Verbreitung veranlasste die WHO im Juni, die Schweinegrippe zur Pandemie zu erklären. Hätte man dafür die Gefährlichkeit des Erregers für den Einzelnen nicht stärker in Betracht ziehen müssen?

    Darüber kann und sollte man sicherlich diskutieren. Denn mit dem Ausruf der höchsten Pandemiestufe wurden Pandemiepläne aktiviert, die auf das Auftreten eines neuen Subtyps ausgerichtet waren - und nicht auf eine neue H1N1-Variante.

    Was hätte man anders machen können?

    Ich denke, in diesem Fall hat man durchaus richtig reagiert. Die Regierungen sind ja in der Pflicht gewesen, ihre Bevölkerung zu schützen. Und ein Impfstoff bietet einfach den besten Schutz vor der Schweinegrippe. Doch für die Zukunft sollte das Sechs-Stufen-System der WHO vielleicht überdacht werden. Oder man müsste für die sechste Stufe einen weiteren Pandemieplan erstellen, der speziell auf die Verbreitung neuer Virenvarianten ausgerichtet ist. Aber eigentlich ist es für eine Bewertung der Situation noch zu früh; wir sollten das Ende der Grippesaison abwarten.

    Die Erkrankungszahlen sind jetzt schon rückläufig.

    Das kann sich bis März auch noch mal ändern. Außerdem sollten wir eines nicht vergessen: Die Schweinegrippe ist bisher zwar glimpflicher verlaufen als befürchtet, eine harmlose Erkrankung ist sie deswegen aber noch lange nicht. Immerhin sind viele Menschen an ihr gestorben. Und das gesundheitliche Risiko einer Schweinegrippe-Erkrankung ist beträchtlich höher als das einer Impfung. Es scheint jedoch, als sei in den Köpfen vieler Menschen das Gegenteil hängen geblieben.

    Was macht ausgerechnet Grippeviren so gefährlich? Könnte die nächste Pandemie nicht auch durch ein ganz anderes Virus hervorgerufen werden?


    Sie könnte es, ja. Das hat uns das Beispiel Sars gezeigt. Bei Grippeviren gibt es aber ein riesiges Reservoir in der Tierwelt. Und daraus können immer wieder neue Subtypen hervorgehen. Wir kennen derzeit 16 Hämagglutinin- und neun Neuraminidase-Varianten, aus denen zumindest theoretisch 144 Kombinationen entstehen können. Sehr viele dieser Kombinationen sind bei Vögeln bereits entdeckt worden.

    Interview: Anke Brodmerkel


    Zur Person
    Professor Klaus Schughart hat Biologie in Kaiserslautern und Köln studiert und leitet seit 2006 die Abteilung Infektionsgenetik am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Schughart zufolge richtig reagiert, als sie im Fall der Schweinegrippe eine Pandemie ausrief. Dennoch müsse man das sechsstufige Pandemie-Warnsystem überdenken, sagt er.

    Comment


    • #3
      Re: Europarat: Öffentliche Anhörung vom 26. Januar 2010 über den Umgang von WHO und Impfstoffherstellern mit der H1N1 Pandemie: Ist mehr Transparenz notwendig ?

      http://www.stern.de/gesundheit/schwe...n-1541954.html

      stern.de: 9. Februar 2010

      Schweinegrippe: "Eine Milliarde durch den Schornstein gepfiffen"

      Die Schweinegrippe ist vorbei und fast vergessen. Es gibt allerdings noch viel aufzuarbeiten, kritisiert der Epidemiologe Ulrich Keil. "Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt", sagt er im stern.de-Interview. "Dabei sind die großen Killer andere."

      Zur Person: Ulrich Keil ist Medizinprofessor an der Universität Münster und Leiter des dort angesiedelten "WHO Collaborating Centre for Epidemiology and Prevention of Cardiovascular and other Chronic Diseases". In einer Sitzung des Europarates kritisierte er das Vorgehen der WHO im Zusammenhang mit der Schweinegrippe scharf.




      Stern: Herr Keil, der Hype um die Schweinegrippe ist vorbei. Können wir die Sache nun abhaken?

      Nein. Bei dieser Geschichte gibt es noch viel aufzuarbeiten. Die Anhörung im Europarat war ein erster richtiger Schritt, doch es müssen noch weitere auch auf nationaler Ebene folgen.

      Stern: Sie haben auf einer Sitzung des Europarates zum Thema Schweinegrippe der WHO vorgeworfen, die Angst vor H1N1 geschürt zu haben. Warum?

      Alle paar Jahre werden wir mit Epidemien geängstigt. 2002/03 war es Sars, 2005/06 kam die Vogelgrippe. Jedesmal wurden große Angstkampagnen inszeniert. Bis jetzt waren das alles regionale Epidemien, die sich nur sehr begrenzt ausgebreitet haben. Weltweit erkrankten an der Vogelgrippe nur etwa 350 Menschen. Dennoch diente sie als Modell einer Pandemie. Auch bei der Schweinegrippe haben Virologen schnell Angst verbreitet, da das Virus in seiner Gefährlichkeit dem der Spanischen Grippe ähnlich sei. Der Vergleich war allerdings falsch. Damals war es eine gänzlich andere Situation. Das Virus traf auf eine durch den ersten Weltkrieg geschwächte, unterernährte Bevölkerung. Seit 1840 nimmt die Lebenserwartung in der westlichen Welt pro Dekade um zweieinhalb Jahre zu. Die letzte große Grippeepidemie in Deutschland, die sich auf die Lebenserwartung ausgewirkt hat, war 1968.

      Stern: Heißt das, als gut ernährte und versorgte Menschen in der westlichen Welt müssen wir uns vor einem Pandemie-Virus gar nicht fürchten?

      Dass uns nie wieder eine schwere Pandemie treffen wird, kann natürlich niemand vorhersagen. Wichtig ist aber, die größeren Abwehrkräfte der Menschen, sprich ihre Resistenz zu beachten. Die großen Killer sind in Wahrheit heute andere: chronische Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes oder ungesundes Verhalten, wie falsche Ernährung, Rauchen oder zu wenig Bewegung. Ärgerlich ist ja: An allen Ecken und Enden fehlt uns Geld im Gesundheitssystem und dann wird bei der Schweinegrippe eine Milliarde oder mehr durch den Schornstein gepfiffen.

      Stern: Wer hat falsch gehandelt?

      Die WHO und die nationalen Institutionen hätte umschwenken müssen, als klar war, dass die Grippe auf der südlichen Hemisphäre im Winter einen milden Verlauf nimmt. Das war ein deutliches Zeichen, dass keine Killerpandemie droht. Stattdessen hatte man schon zuvor die Definition der Pandemie geändert. Nicht mehr der Schweregrad sondern allein die Verbreitung eines Virus zählt nun. Ketzerisch gefragt: Wird die WHO dann im kommenden Jahr auch Schnupfen zur Pandemie erklären und dagegen impfen wollen?

      Stern: Was hat die Ausrufung der Pandemie für die Verträge bedeutet, die zwischen den Regierungen und der Pharmaindustrie schon bestanden?

      Ganz einfach: Die Ausrufung der Stufe sechs des Pandemieplanes durch die WHO hat die zwischen Regierungen und Pharmaindustrie bestehenden Verträge in Kraft gesetzt. Die Impfkampagne konnte anlaufen.

      Stern: Warum hat die WHO so gehandelt?

      Ich will die WHO nicht verunglimpfen, denn sie hat große Verdienste, zum Beispiel bei der Ausrottung der Pocken oder der fast vollständigen Ausrottung der Kinderlähmung. Bei der Schweinegrippe glaube ich, dass sie unter Druck gesetzt wurde. Ich kenne die WHO seit 1973. Viele leitende Stellen waren damals mit Leuten aus dem ehemaligen Ostblock besetzt, die von der Industrie nichts wissen wollten. Bis 1990 war die Organisation von Industrieinteressen daher fast vollkommen frei. Danach erfolgte eine starke Öffnung hin zur Industrie.

      Stern: Bleiben die Alarmstufe und die Pandemiedefinition eigentlich jetzt so bestehen?

      Das wurde in Straßburg debattiert. Die WHO hat in dieser Hinsicht bis jetzt nichts zurückgenommen - weder bei der Pandemiedefinition noch bei der Alarmstufe. Letztere soll noch zwei Jahre bestehen bleiben. Ich bin der Meinung, dass man den Pandemiealarm schon längst hätte zurückstufen müssen. Alles andere ist absurd.

      Schweinegrippe in Deutschland Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind mittlerweile ungefähr 220.000 Fälle von Schweinegrippe in Deutschland bekannt, 186 Neuerkrankungen kamen in der vierten Kalenderwoche 2010 dazu. Der Anstieg ist damit modert. Insgesamt wurden 216 Todesfälle im Zusammenhang mit H1N1 gemeldet. Bis Jahresende ließen sich laut Paul-Ehrlich-Institut 7,5 Prozent der Bevölkerung älter als 14 Jahre gegen H1N1 impfen. Für 30 Prozent hatten die deutschen Behörden Impfstoff eingekauft.

      Stern: Wie hätte die WHO reagieren müssen, nachdem erkennbar war, dass die Schweinegrippe in den meisten Fällen mild verläuft?

      Vor allem hätte man in die ursprünglichen Pandemiepläne Kontrollmechanismen einbauen müssen, die garantiert hätten, dass bei einem milden Verlauf der Erkrankung Alarmstufen zurückgefahren worden wären. Den Verlauf zu beobachten und die Gefahr abzuschätzen, ist auch die Aufgabe guter Infektionsepidemiologen und der Landesbehörden. Sie hätten eingestehen müssen: Wir haben übertrieben, es verläuft nicht so schlimm, eine riesige Impfkampagne brauchen wir nicht.

      Stern: Was hat die Aktion den deutschen Steuerzahler gekostet?

      Die Steuerzahler beziehungsweise die gesetzliche Krankenversicherung mindestens eine Milliarde. Aus meiner Sicht sogar mehr. In Straßburg wurde auch besprochen, dass die Industrie insgesamt für Entwicklung und Herstellung der Impfstoffe vier Milliarden ausgegeben und wohl 18 Milliarden Umsatz weltweit gemacht hat.

      Stern: Warum hat man sich in Deutschland auf diese Verträge überhaupt eingelassen?

      Es ist hart zu sagen, aber in den Ministerien war teilweise zu wenig Sachverstand am Werk. Das waren Knebelverträge, die Industrie hat den Staat dabei über den Tisch gezogen. Vertraglich war zugesichert, dass 50 Millionen Dosen abgenommen werden müssen, für die Nebenwirkungen und eventuelle Risiken bestand allerdings keine Haftung. Nun wird generös gesagt, dass die Länder nur Impfstoffe für 34 Millionen kaufen müssen. Im Prinzip hat sich die Industrie trotzdem schadlos gehalten.

      Stern: Allerdings braucht man die Industrie ja auch.

      Ja. Als Gegner der Tabakindustrie habe ich immer gesagt, dass diese Industrie etwas anderes ist als die pharmazeutische Industrie. Die Tabakindustrie produziert ein Produkt, das in jeder Menge die Menschen schädigt. Die Pharmaindustrie macht auch viel Gutes, wir brauchen sie und sie ist eine Säule unseres Gesundheitswesens. Die Impfstoffproduktion in staatliche Hand zurückzugeben, ist kaum möglich. Fachleute befürchten nicht zu Unrecht, dass dann auch die Innovation auf der Strecke bliebe. Allerdings muss die Pharmaindustrie strengeren Regeln unterworfen werden. Es ist zum Beispiel ein Skandal, dass diese Industrie ein Vielfaches ihres Forschungsetats in Werbung und Marketing steckt.

      Stern: Wer soll die Industrie denn an die Kandare nehmen?

      Die große Schwierigkeit auf diesem Gebiet ist es, unabhängige Gutachter zu bekommen. Von Studentenbeinen an ist in der Medizin der Einfluss der pharmazeutischen Industrie und der Geräteindustrie unverkennbar. Daher sind unabhängige Institutionen wie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen so wichtig. Es ist allerdings zu befürchten, dass dessen Stand unter der neuen Regierung nicht gerade gestärkt wird. Problematisch ist bei der Schweinegrippe leider auch die Arroganz mancher Fachleute. Man argumentiert, dass es so kompliziert ist, dass die lieben Leute es gar nicht verstehen können.

      Stern: Aber die lieben Leute haben mit den Füßen abgestimmt.

      Ja. Die Bevölkerung hat sich zum Glück nicht täuschen lassen. Die Leute haben gemerkt, dass es sich bei der Schweinegrippe um keine gravierende Krankheit handelt. Es ist ja auch falsch, die Menschen für dumm zu verkaufen. Es ist Aufgabe von Wissenschaftlern, die Fakten auch Laien verständlich und ohne Interessenkonflikte darzustellen.

      Stern: Dann erklären Sie doch bitte, ob die beschworene gefährliche Mutation des H1N1-Virus noch droht?

      Das sehe ich nicht. Eine so gravierende Mutation erfolgt ja nicht auf einen Schlag, das geht in mehreren Stufen. Ansonsten würde das auch bedeuten, dass sie mit einem Mal mit dem alten Impfstoff nichts mehr anfangen können. Das bestreiten aber Institutionen wie das Robert-Koch- oder das Paul-Ehrlich-Institut. Gleichzeitig verweisen sie gerade auf die gefährliche Mutation als Grund für die Pandemieimpfung. Da muss man die Logik einmal hinterfragen. Für mich sieht es jedenfalls so aus, als ob wir die Schweinegrippe überstanden haben. Auf der südlichen Hemisphäre ist sie sehr mild verlaufen und auch bisher nicht in einer zweiten Welle wiedergekommen.


      [Stern-] Interview: Lea Wolz

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